Oldenburger stolz auf Rekordbohrung

Ludwig-Freytag-Tochter LMR schafft horizontal 4600 Meter – Was die Insel Texel davon hat.


OLDENBURG -  Ernst Fengler atmet nach erledigter Arbeit erleichtert auf: „Jetzt hat die offizielle Eröffnung stattgefunden“, freut sich der Chef des Oldenburger Unternehmens LMR. „Die Tests liefen erfolgreich.“ Gemeint ist eine neue Rohrleitung für Trinkwasser in den Niederlanden: Konkret wurde dort die Insel Texel vom Küstenort Den Helder aus angeschlossen. Mit diesem Projekt stellt die Tochter der Oldenburger Baugruppe LUDWIG FREYTAG einen Rekord auf: Mit 4600 Metern Länge schaffte man die längste Horizontalbohrung weltweit.

Horizontalbohrung, das heißt hier: Die Bohrung führt in der Meerenge „Marsdiep“ unter dem Meeresboden (tiefste Stelle: 32 Meter) entlang – ohne den sonst üblichen Graben, also auch ohne Umweltbeeinträchtigungen. Es wurde von Texel und von der Küste aus quasi „horizontal“ aufeinander zugebohrt – bis man sich unter dem Meeresgrund traf.

Bei dieser anspruchsvollen Technologie sind die Oldenburger ganz vorn mit dabei. Mit dem Gerät, bei der Zentrale in Wechloy gelagert, haben sie schon diverse prominente Projekte gemeistert, zunehmend auch im Ausland. So wurde kürzlich etwa eine Pipeline zwischen Bulgarien und Rumänien, unter der Donau hindurch, fertig. „Wir haben eben eine Historie, was extrem lange Bohrungen angeht“, sagt Fengler stolz.

                   Mit LMR einen Weltrekord aufgestellt: Geschäftsführer Ernst Fengler in seinem Büro

Die große Erfahrung dürfte dazu beigetragen haben, dass LMR letztlich auch die Ausschreibung für Den Helder/ Texel gewann. Zu den Niederlanden gab es zudem schon vor vielen Jahren Kontakte. Auch die Arbeiten für die bisherigen Wasserrohre, damals noch klassisch vom Schiff aus in einem Graben verlegt, hatten vor Jahrzehnten die Oldenburger ausgeführt.

Diese Verbindung bereitete dem Versorger PWN zuletzt zunehmenden Unterhaltungsaufwand wegen der üblichen Bewegungen und der Erosion auf dem Meeresboden. Was waren nun die Alternativen für die Wasserversorgung der Insulaner? Fengler zählt auf: Meerwasserentsalzungsanlage, Tiefbohrbrunnen, eine neue vom Schiff aus verlegte Leitung – oder eben ein Anschluss per HDD. Das steht für Horizontal Directional Drilling (Horizontalbohrung). Für Letzteres entschied man sich, und manche Experten im pragmatisch tickenden Nachbarland erinnerten sich vielleicht wohl, wie reibungslos, gut und konkurrenzfähig es mit den Oldenburgern schon mal gelaufen war.

Und so wurden in Den Helder 2016 und 2017 ungewöhnlich viele Autos mit OL-Kennzeichen gesichtet: Eine etwa 35-köpfige Borhrmannschaft sei vor Ort gewesen, erzählt Fengler. Viele aus der Bohrkolonne pendelten ständig hin und her, andere schliefen vor Ort etwa im  bekannten Hotel Den Helder. In Hoch-Zeiten waren bis zu 160 Experten diverser Firmen auf den Baustellen tätig. „Das war auch für uns absolut nichts Normales“, versucht der Bauingenieur und Wirtschaftsingenieur die Fieberkurve des spannenden Projektes zu beschreiben.

Am Ende sei man „super schnell, schneller als gedacht“ fertig geworden, ziehtman bei LMR Drilling heute stolz die Bilanz. Ausgezahlt hätten sich die umfangreichen, neun Monate dauernden Vorbereitungen mit den niederländischen Partnern: Auf jeden Bohrtag (insgesamt 20) seien so umgerechnet quasi 14 Tage Vorbereitungszeit gekommen, rechnet Fengler vor. Die Risiken eines solchen Vorhabens seien dabei systematisch minimiert worden. „Das lief dann sensationell.“ Während die Insulaner auf Texel demnächst Wasser durch die Oldenburger Bohrung erhalten, ist der LMRChef mit seinem Team schon mit neuen Projekten befasst: Irgendwo gibt es ständig sensible Projekte, die Horizontalbohrungen erfordern.

Lange wird man übrigens bei LMR und LUDWIG FREYTAG den Weltrekord im horizontalen Weitbohren nicht feiern können: In Hongkong, so ist zu den Oldenburgern durchgedrungen, sei ein noch längeres, größeres Rohr in Planung. Da geht es um ein paar Meter mehr als für Texel. Die Marke von 5000 Metern könnte geknackt werden. Aber wer weiß? Vielleicht legen die Spezialisten von LMR ja nochmal nach. „7000 bis 8000 Meter sollten mit dem aktuellen Stand der Technik kein Problem sein“, zeigt der Ingenieur Fengler die Perspektiven auf.

Er nimmt den Mund dabei sicherlich nicht zu voll. Sein Team hat seit 1998 (1350-Meter-Leitung in Dänemark) schon etwa ein halbes Dutzend Weltrekorde im Horizontalbohren aufgestellt.

Quelle: Nordwest Zeitung, 27.05.2017

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